Versorgungsmanagement nach dem Schlaganfall: Angehörige besser unterstützen

Pflegende Angehörige brauchen mehr Unterstützung


Wenn Schlaganfall-Patientinnen nach der stationären Erstversorgung im Krankenhaus zurück in ihre Familie kommen, ändert sich der Alltag oft „auf einen Schlag“ – auch für die Angehörigen. Denn bei rund 45 Prozent aller Patientinnen hat der Schlaganfall langfristige Folgen1,2, die die Angehörigen plötzlich vor Herausforderungen stellen, für die sie häufig nicht ausreichend gewappnet sind und von denen sie sich überfordert fühlen.

Informations- und Versorgungslücken beim Entlassmanagement von Schlaganfall-Patient*innen

Seit 2017 haben Patientinnen und ihre Angehörigen vor der Entlassung aus der Klinik einen Anspruch auf das sogenannte Entlassmanagement. Dabei informiert derdie Krankenhausärzt*in über die erfolgte Behandlung und bespricht die notwendigen weiteren therapeutischen Schritte.

Darüber hinaus sollte das Entlassmanagement den reibungslosen Übergang zur erforderlichen Anschlussversorgung sicherstellen und die Patient*innen und ihre Angehörigen bestmöglich auf die Versorgungssituation und die Pflege zu Hause vorbereiten.

Viele pflegende oder unterstützende Angehörige erhalten nach der ersten Krankenhausversorgung nicht ausreichend hilfreiche Informationen. Häufig besteht direkt nach dem Schlaganfall ein Bedarf an mehr Aufklärung. Auch im weiteren Verlauf, insbesondere während der Rehabilitation, sind zusätzliche Informationen und Unterstützung für viele Angehörige wichtig.

Expertengespräch: Angehörige, Aphasie, Spastik und integrierte Versorgung nach Schlaganfall

Im ausführlichen Expertengespräch sprechen Dr. Axel Schramm und Christoph Hofstetter darüber, wie Angehörige in die Therapie einbezogen werden können, warum sie nicht zu Therapie-Managerinnen werden sollten, welche Rolle Aphasie und Spastik nach einem Schlaganfall spielen und was aus Sicht der Experten helfen würde, die Versorgung von Schlaganfall-Patient*innen künftig besser zu organisieren.

Oberarzt: Dr. Axel Schramm im Interview

Dr. Axel Schramm arbeitete nach seinem Studium der Humanmedizin zunächst als Assistenzarzt am Universitätsklinikum Erlangen. Bevor er vor einigen Jahren in die NeuroPraxis im mittelfränkischen Fürth wechselte, war er langjähriger Oberarzt an der Universitätsklinik Erlangen und Leiter der Klinischen Neurophysiologie sowie diverser Spezialambulanzen. In seiner täglichen Arbeit sind ihm Menschlichkeit, Zuwendung und Empathie besonders wichtig. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten ist Dr. Axel Schramm mehrfach ausgezeichnet worden.

Physiotherapeut: Christoph Hofstetter im Interview

Christoph Hofstetter begann seine berufliche Karriere als staatlich anerkannter Physiotherapeut. Später schloss er seinen Bachelor mit dem Schwerpunkt Neurorehabilitation und Neurowissenschaft ab. Heute ist er vielseitig unterwegs: als Autor, Lehrbeauftragter, Gastdozent und Inhaber des interdisziplinären Therapiezentrums im nordrhein-westfälischen Warburg. Und er hat die webbasierte, interaktive Rehaplattform „Caspar“ mitentwickelt. Sie soll Patient*innen motivieren, ihre Übungen auch zuhause durchzuführen.
Per Video oder Chat bekommen sie dort online Feedback von Therapeut*innen.

Strukturierte Prozesse: Angehörige und Expertinnen fordern lückenlose, integrierte Versorgung von Schlaganfall-Patientinnen

Sicherlich hat sich in den letzten Jahren dank Pflegereform, Pflegestärkungsgesetz und § 45a SGB XI von sozialstaatlicher Seite vieles getan, was das Versorgungsmanagement von Schlaganfall-Patient*innen zuhause sowie die Unterstützung der pflegenden Angehörigen erleichtert. Und insbesondere das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hat das Entlassmanagement umfassend reformiert.

Dennoch sind Expert*innen wie der Berliner Neurologe und Reha-Mediziner Prof. Dr. med. Jörg Wissel der Meinung, dass strukturierte Prozesse die nach wie vor bestehenden Lücken im Sinne einer integrierten Versorgung schließen können.

Prof. Dr. Wissel Teaser
Berliner Neurologe und Reha-Mediziner Prof. Dr. med. Jörg Wissel 

Stationär sei genug Zeit – auch für die Fragen und Anliegen der Angehörigen. Problematisch werde dann die Weiterversorgung im ambulanten Bereich und zuhause. Da sieht Wissel auch den Gesetzgeber in der Pflicht: „Das Gesundheitssystem sieht vor, dass die Nachsorge von Schlaganfall-Patient*innen vom Hausarzt, unterstützt durch den Facharzt, organisiert wird. Das Themenfeld und der Bedarf sind allerdings sehr groß, so dass Allgemeinmediziner*innen diese Leistungen ohne Hilfen nur selten alleine abdecken können.“

Auch dem hohen Stellenwert der unterstützenden Angehörigen für den Erfolg der Therapien trage unser System nach wie vor noch immer zu wenig Rechnung: „Formal geht es darum, dass das Gesundheitssystem uns Ärzt*innen oder auch Kolleg*innen aus dem Sozialwesen mehr definierte Zeit für die Beratung und die Beschäftigung mit berechtigten Bedürfnissen von Angehörigen einräumt.“

Sektoren Grenzen abbauen, integrierte Versorgung vorantreiben: Die Folgen eines Schlaganfalls besser in den Griff bekommen

Nach einem Schlaganfall kommt es neben Sprachstörungen häufig auch zu ausgeprägten Mobilitätseinschränkungen. Etwa 30 bis 40 Prozent der Patient*innen entwickeln eine Spastik.3 Diese motorischen Bewegungseinschränkungen beeinträchtigen die Lebensqualität der Patient*innen und ihrer Angehörigen erheblich.2 Insbesondere die dadurch entstehenden Schmerzen, aber auch die damit verbundene soziale Ausgrenzung und die Stigmatisierung aufgrund der veränderten Körperhaltung machen sowohl den Patient*innen als auch den Angehörigen zu schaffen.

Im Sinne einer ganzheitlichen integrierten Versorgung setzt sich die Initiative Räume zum Reden dafür ein, das Entlassmanagement noch weiter zu optimieren und bestehende Sektorengrenzen abzubauen. In diesem Zuge verweist sie auch auf die aktuelle S2k-Leitlinie zur Therapie des spastischen Syndroms der DGNeurologie. Sie ermuntert Patient*innen mit Spastiken und ihre Angehörigen ausdrücklich dazu, alle drei bis sechs Monate Kontrolluntersuchungen in spezialisierten Zentren in Anspruch zu nehmen.4

Das könnte Sie interessieren

Experten-Interview Die besondere Rolle der Angehörigen bei seltenen Erkrankungen

Februar 22, 2026

Experten-Interview: Seltene Erkrankungen – Warum Angehörige in der Versorgung wichtig sind

  • Zeit: 5 Minuten

Februar 1, 2026

Versorgungsmanagement nach dem Schlaganfall: Angehörige besser unterstützen

  • Zeit: 5 Minuten

Februar 1, 2026

Arztgespräch vorbereiten: Tipps für Betroffene und Angehörige

  • Zeit: 3 Minuten
Dr. Tatjana Reichhart (1)

Februar 1, 2026

Selbstfürsorge für pflegende Angehörige: Experten-Tipps gegen Überlastung

  • Zeit: 12 Minuten

Januar 31, 2026

Expert*innen-Interview: Selbstfürsorge für Angehörige von Patient*innen

  • Zeit: 7 Minuten

Januar 31, 2026

Mutmacher-Geschichten: Angehörige von Krebsbetroffene erzählen

  • Zeit: 4 Minuten
  1. Wissel J, Manack A, Brainin M. Toward an epidemiology of poststroke spasticity. Neurology 2013; 80(3 Suppl 2): S13–19.
  2. Hotter B et al. Identifying unmet needs in long-term stroke care using in-depth assessment and the Post-Stroke Checklist – The Managing Aftercare for Stroke (MAS-I) study. Eur Stroke J 2018; 3(3): 237–245.
  3. Tholen R et al. Dosis-Wirkungs-Beziehungen bei der Rehabilitation der Mobilität nach Schlaganfall Erkenntnisse aus der S2e-Leitlinie (ReMoS). Neurol Rehabil 2017; 23(1): 39–44.
  4. Platz T. S2k-Leitlinie: Therapie des spastischen Syndroms. DGNeurologie 2019: 2(4), 258–279.