Expert*innen-Gespräch zu Schlaganfall: Angehörige, Aphasie, Spastik
Nach einem Schlaganfall verändert sich nicht nur das Leben der Patient*innen. Auch Angehörige stehen plötzlich vor vielen neuen Fragen: Wie kann ich unterstützen, ohne zu überfordern? Wie gelingt Kommunikation, wenn eine Aphasie vorliegt? Woran erkenne ich eine Spastik? Und wie lässt sich die Versorgung nach Reha und Klinik besser organisieren?
Dr. Axel Schramm und Christoph Hofstetter im Interview
Oberarzt: Dr. Axel Schramm im Interview
Dr. Axel Schramm arbeitete nach seinem Studium der Humanmedizin zunächst als Assistenzarzt am Universitätsklinikum Erlangen. Bevor er vor einigen Jahren in die NeuroPraxis im mittelfränkischen Fürth wechselte, war er langjähriger Oberarzt an der Universitätsklinik Erlangen und Leiter der Klinischen Neurophysiologie sowie diverser Spezialambulanzen. In seiner täglichen Arbeit sind ihm Menschlichkeit, Zuwendung und Empathie besonders wichtig. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten ist Dr. Axel Schramm mehrfach ausgezeichnet worden.
Physiotherapeut: Christoph Hofstetter im Interview
Christoph Hofstetter begann seine berufliche Karriere als staatlich anerkannter Physiotherapeut. Später schloss er seinen Bachelor mit dem Schwerpunkt Neurorehabilitation und Neurowissenschaft ab. Heute ist er vielseitig unterwegs: als Autor, Lehrbeauftragter, Gastdozent und Inhaber des interdisziplinären Therapiezentrums im nordrhein-westfälischen Warburg. Und er hat die webbasierte, interaktive Rehaplattform „Caspar“ mit entwickelt. Sie soll Patient*innen motivieren, ihre Übungen auch zuhause durchzuführen.
Per Video oder Chat bekommen sie dort online Feedback vom Therapeut*innen.
Aufgaben und Rollen im Alltag von Angehörigen
Expert*innenfrage: Welche Aufgaben oder Rollen übernehmen Angehörige in der Regel?
Herr Dr. Schramm:
Die meisten Angehörigen übernehmen wahnsinnig viele Aufgaben. Aber es ist aus meiner Sicht wichtig, den Druck herauszunehmen und die Verantwortung teilweise und auch gezielt abzugeben. Die Angehörigen sind nicht verantwortlich für den Therapieerfolg, sie sollten für die Erkrankten eher Begleiter und Motivatoren sein. Die Verantwortung sollte bei Ärzt*innenn, Therapeut*innen und den Patient*innen selbst liegen. Das ganze Team muss funktionieren.
Herr Hofstetter:
Die Angehörigen helfen in den Alltagssituationen sehr viel und das geht auch nicht anders. Aber es muss klare Abgrenzungen geben: Patient*innen bekommen Übungen von Therapeut*innen und sollten nicht von den Angehörigen unter Druck gesetzt oder überwacht werden. Angehörige sind nicht Trainer und Co-Therapeut*innen – sie sind Begleiter und Partner*in und das sollten sie auch bleiben. Patient*innen sollten nicht bevormundet werden – das wirkt eher demotivierend. Deshalb ist es mir wichtig, Angehörige sensibel anzuleiten und da auch von meiner Seite den Druck herauszunehmen. Sie haben nicht die Pflicht, mich als Therapeut*innen zu unterstützen.
Fragen und Sorgen von Angehörigen
Expert*innenfrage: Mit welchen Fragen kommen Angehörige auf Sie beide zu? Was beschäftigt die Angehörigen am meisten?
Herr Dr. Schramm:
Für die Angehörigen ist es genauso wichtig wie für die Patient*innen zu erfahren, wie man neurologische Ausfälle und auch Schmerzen besser in den Griff bekommen kann. Viele Angehörige sind zusätzlich noch für die Versorgung und Pflege zuständig. Dadurch haben sie über den Krankheitsverlauf und die Behandlung hinaus noch weitere Fragen zur Organisation des Alltags, welche Hilfsmittel benötigt werden, wie das häusliche Umfeld angepasst werden muss usw. Oft sind die pflegenden Angehörigen mit der Situation überfordert und haben Ängste. Auch das muss im weiteren Verlauf der Behandlung thematisiert und berücksichtigt werden. Leider sind die zeitlichen Ressourcen für Ärzt*innen jedoch sehr beschränkt.
Herr Hofstetter:
Zu mir kommen die Angehörigen meistens mit sehr konkreten Fragen:
Wie kann ich meinem erkrankten Familienmitglied beim Aufstehen, beim Hinlegen, Hinsetzen, ins Bett bringen usw. helfen? Für diese Fragen nutze ich meistens zwei Sitzungen, in denen ich den Angehörigen zeige, wie man Patient*innen nach einem Schlaganfall gut lagern und im Alltag unterstützen kann, beispielsweise sich aus dem Rollstuhl heraus auf einen normalen Stuhl setzen. Auch beim Thema Umgang mit Schmerzen gibt es viele Fragen, die ich mit den Patient*innen und Angehörigen zusammen bespreche.
Herr Dr. Schramm:
Bei der Begleitung der Patient*innen-Angehörigen-Teams über mehrere Jahre, sieht man, wie sie funktionieren. Es ist schön zu sehen, dass Angehörige zu zuverlässigen Partner*inn werden. Es ist eine große Aufgabe, diesen Prozess auch als Fachpersonal dahingehend zu unterstützen, damit das Teambuilding funktionieren kann und beide Parteien auch langfristig gut mit der Erkrankung umgehen können.
Herr Hofstetter:
Nach einiger Zeit kommen auch noch andere Fragen zur weiteren Lebensplanung auf, zum Beispiel, ob gemeinsame Urlaube wieder möglich werden können. Da spricht überhaupt nichts dagegen, wenn die medizinische Versorgung gewährleistet ist. Ich finde das toll, wenn Menschen sich trotz Erkrankungen oder Einschränkungen ihre Wünsche erfüllen und somit trotzdem eine gute Lebensqualität haben können.
Angehörige in die Therapie einbeziehen
Expert*innenfrage: Wie können Sie als Physiotherapeut*in und Neurolog*in Angehörige in die Therapie einbeziehen?
Herr Hofstetter:
Es beginnt bei der Vorgeschichte der jeweiligen Patient*innen, bei den Gewohnheiten: Hier können Angehörige bereits viel beitragen und bei der ersten Erfassung eine Menge Informationen liefern. Zudem können die Angehörigen die Ziele der Therapie sehr gut mit definieren. Wo gibt es Dissonanzen und wo gibt es Übereinstimmungen? Mit beiden zusammen können Ziele definiert werden, die auch zu schaffen sind.
Auch die Anpassung der häuslichen Umgebung – also die Vorbereitung auf eine optimale Pflege – kann mit den Angehörigen gemeinsam geplant werden. Wo müssen Anpassungen gemacht werden? Die Angehörigen kennen die Wohnsituation am besten. Dieses Gespräch ist demnach sehr wichtig für mich als Therapeut.
Herr Dr. Schramm:
Ich möchte sogar noch einen Schritt zurückgehen. Bei Schlaganfallpatient*innen ist es oft so, dass sie durch eine Sprachstörung gar nicht ausreichend mit mir kommunizieren können. Wir brauchen also den Austausch mit den Angehörigen, um an die relevanten Informationen zu kommen. Sie können mir erzählen, welche Probleme und Bedürfnisse es gibt – gerade auch im Alltag. Zudem kennen und begleiten Angehörige die Patient*innen bereits viel länger und wissen meist sehr gut Bescheid. Später können Angehörige dann meist besser artikulieren, was gebraucht wird und an welcher Stelle Ärzt*innen ganz konkret helfen können.
Unterstützung und Hilfsangebote für Angehörige
Expert*innenfrage: Wo finden Angehörige Tipps und Anregungen, um die Therapie zu unterstützen oder sogar Unterstützungsangebote?
Herr Hofstetter:
Was ich gerne anbiete: Ich filme die Übungen, die ich Patient*innen zeige, mit dem Smartphone der Patient*innen oder Angehörigen mit, dann können sich alle die Übungen zu Hause in Ruhe zusammen anschauen. Dabei sieht man auch sehr gut die Fortschritte, die Patient*innen im Verlauf der Behandlung machen.
Herr Dr. Schramm:
Ich möchte an dieser Stelle Angehörigen raten, jede Hilfe, die sie bekommen können, auch zu nutzen. Ferner nicht alles an Ärzt*innen zu adressieren, sondern spezifische Fragestellungen auch mit Therapeut*innen, mit Krankenkassen, mit Selbsthilfegruppen, gegebenenfalls mit dem Pflegedienst usw. zu klären und sich bei der Hilfesuche breit aufzustellen. Mit Unterstützung von verschiedenen Seiten kann auch Frustration vermieden werden, wenn das Arztgespräch zu kurz ist und nicht alle Fragen und Probleme sofort gelöst werden können.
Herr Hofstetter:
Es gibt eine bundesweite Selbsthilfegruppe für Aphasiepatient*innen und eine Selbsthilfegruppe für Schlaganfallpatient*innen und Angehörige von der Deutschen Schlaganfall Hilfe. Die sind meistens auch regional organisiert. Angehörige könnten auch in der behandelnden Praxis nachfragen, ob Kontakt zu anderen betroffenen Familien hergestellt werden kann. Meistens finden Therapeut*innen das gut und unterstützen diesen Austausch. Zudem kann der Arzt, zusätzlich zur Therapie in der Praxis, ein Rezept für Hausbesuche ausstellen, damit Therapeut*innen Patient*innen zu Hause besuchen und die Hilfsmittel dort besprechen können, die gebraucht werden oder wie sie am besten genutzt werden können. Das ist auch meistens eine große Hilfe für Angehörige und Patient*innen. Manche Krankenkassen bieten hier den Service, Ergotherapeut*innen zu schicken – die besprechen dann gemeinsam mit Betroffenen und pflegenden Angehörigen was gebraucht wird. Es gibt da gute Möglichkeiten, wo man sich Hilfe holen kann.
Belastung für Angehörige
Expert*innenfrage: Der Schlaganfall eines nahe stehenden Menschen kann für Angehörige eine große Belastung sein. Oft müssen sie ihr Leben komplett neu sortieren. Was bedeutet das für Angehörige?
Herr Dr. Schramm:
Ich glaube, es gibt da so viele spannende Themen, die sich während der Therapie und im Zusammenleben nach dem Schlaganfall zwischen Patient*innen und Angehörigen entwickeln. Wie kommuniziert und lebt man miteinander? Wie wollen wir unser weiteres Leben gestalten? Diesen Prozess zu begleiten, ist sehr spannend. Hier sehen wir auch deutlich die Versorgungslücke. Es ist nicht offiziell definiert, wie dieses Team betreut werden und Angehörige in die Therapie miteinbezogen werden sollen.
Diese Partner*innenangebote stehen Angehörigen zur Seite, um gemeinsam neue Wege der Unterstützung zu entdecken:
- Selbsthilfegruppe für Schlaganfall-Betroffene & Angehörige – mit therapeutischer Begleitung
- Räume zum Reden: Begleitung auf dem Heilungsweg – für Angehörige von Krebspatient*innen
Gesprächsangebote für Betroffene & Angehörige
Auf dieser Seite finden Betroffene und Angehörige kostenfreie Gesprächs- und Unterstützungsangebote nach einer Diagnose. Vorgestellt werden Online-Sprechstunden, Selbsthilfegruppen und geschützte Austauschformate, die Raum für Fragen, persönliche Erfahrungen und neue Perspektiven bieten.
Ob nach einem Schlaganfall, im Umgang mit Spastik, als Angehörige oder Angehöriger eines krebserkrankten Menschen oder als Betroffener auf der Suche nach Austausch: Die Angebote möchten informieren & entlasten.
Überforderung vermeiden
Expert*innenfrage: Wie können pflegende Angehörige eine Überforderung und Überlastung vermeiden? Und wo finden sie Unterstützung?
Herr Hofstetter:
Wichtig finde ich in dem Zusammenhang, dass man sich Gedanken darüber macht, was passiert, wenn pflegende Angehörige ausfallen, weil sie zum Beispiel selbst krank werden oder sich verletzen. Oft entstehen große Ängste und Unsicherheiten, weil niemand so recht weiß, wie er mit solch einer Situation umgehen muss und ob man vielleicht sogar wohnlich getrennt werden muss. Da kann ich nur empfehlen: Holen Sie sich Hilfe, z. B. bei einer Sozialberatung vor Ort. Da gibt es Hilfe durch Sozialarbeiter oder die Möglichkeit der Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes, um solche Zeiten zu überstehen. Auch Angebote wie Tagespflege können eine sehr gute Lösung sein. Die sind eine sehr wichtige Stütze für die Angehörigen, um mal durchzuatmen.
Herr Dr. Schramm:
Außerdem finde ich es eine gute Idee, sich schon im Vorfeld einen „Notfallplan“ zurecht zu legen, in dem man überlegt, was z.B. passieren soll, wenn der pflegende Angehörige mal selbst ausfällt. Das beruhigt und gibt Angehörigen ein gutes Gefühl.
Und ja, Angehörige sollten sich auch Pausen organisieren. Sie können zum Beispiel mal alleine in den Urlaub fahren, während andere Familienmitglieder die Verantwortung eine Zeitlang übernehmen. Sie können auch institutionelle Angebote wie Tagespflege oder Pflegedienst nutzen – aber auch auf intrafamiliäre oder Hilfe aus dem Freundeskreis zurückgreifen. Das ist sehr wichtig, um das Team langfristig am Laufen zu halten.
Herr Hofstetter:
Es gibt in Deutschland die Besonderheit, dass es nicht nur eine neurologische, sondern auch eine geriatrische Reha gibt. Die zwei Ziele der geriatrischen Reha sind der Erhalt der Selbständigkeit und die Reduzierung der Pflegebedürftigkeit. Diese Einrichtungen gibt es auch auf dem Land und während so eines Aufenthaltes können Angehörige mal durchatmen.
„Angehörige können nie Therapiemanager*innen sein.“
Zitat Herr Christoph Hofstetter
Integrierte Versorgung nach der Reha
Expert*innenfrage: Wie können Angehörige dazu beitragen, dass nach der Reha eine bestmögliche integrierte Versorgung durch Hausärzt*innen, Neurolog*innen und Physiotherapeut*innen im Sinne der Patient*innen erreicht wird?
Herr Hofstetter:
Angehörige können nie Therapiemanager*innen sein. Dafür ist er nicht ausgebildet.
Angehörige können aber ein wichtiger emotionaler Beistand und Rückhalt für Menschen mit einem SchlaganfalI sein. Meist wissen sie, was dem an Schlaganfall Erkrankten guttut. Dies können sie gegenüber Ärzt*innenn und Therapeut*innen äußern. „Aus meiner Sicht ist der*die Hausärzt*in der*die Kommunikator*in und Mediator*in zwischen den Disziplinen. Er*Sie stellt auch die meisten Rezepte aus. Deshalb ist aus meiner Sicht die Zusammenarbeit zwischen Hausärzt*innen und Therapeut*innen am wichtigsten. Wenn Therapeut*innen gute Neurolog*innen kennen, gehen sie in der Regel von sich aus auf Patient*innen zu und bieten an, eine Behandlung mit Botulinumtoxin (bei Expert*innen) zu machen. Ich versuche dies, soweit wie möglich, in meiner täglichen Arbeit immer zu berücksichtigen. Daher ist für mich der Dialog und Austausch mit Neurolog*innen und Expert*innen für Spastik und Botulinumtoxin, wie Herrn Dr. Schramm, so wichtig.
Herr Dr. Schramm:
Ich sehe mich nur als kleinen Baustein in der gesamten Behandlung. Wir Neurolog*innen sind meist gar nicht so nah dran am Patient*innen wie Therapeut*innen oder Hausärzte. Manche Bedürfnisse, Fragen und Probleme sind an diesen Stellen möglicherweise besser aufgehoben als bei Neurolog*innen. Gerade, wenn es um Fragen nach Unterstützung für Angehörige geht. Für einen besseren Informationsfluss von mir zum Therapeut*innen oder Hausärzt*innen gebe ich den Angehörigen gerne Hinweise mit.
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Aphasie und Kommunikation
Expert*innenfrage: Nach einem Schlaganfall tritt häufig eine Störung der Kommunikationsfähigkeit auf – sowohl beim Sprechen als auch beim Verstehen. In diesem Zusammenhang wird von einer Aphasie gesprochen. Können Sie kurz erklären, was darunter verstanden wird und wie Familienangehörige in solchen Fällen mit Schlaganfallpatient*innen kommunizieren können?
Herr Dr. Schramm:
Eine Aphasie, also eine Sprachstörung, tritt auf, wenn die entsprechenden Areale im Gehirn geschädigt sind, die für die Sprache zuständig sind. Um es besser zu verstehen: Es ist so, dass das Sprachzentrum bei Menschen immer in ihrer dominanten Hirnhälfte liegt. Bei einem Rechtshänder ist die dominante Hirnhälfte die gegenüberliegende, die linke. Nur, wenn diese dominante Hirnhälfte geschädigt ist, kommt es zu einer Sprachstörung.
Es gibt zwei Typen einer Aphasie:
- Die motorische: Bei dieser Form der Aphasie haben Patient*innen Wortfindungsschwierigkeiten und können sich nicht ausdrücken. Ihr Sprachverständnis ist aber erhalten.
- Die andere Form ist die sensorische Aphasie: Hier ist das Sprachverständnis verloren.
Zum Glück ist die motorische Form häufiger, denn man kann sich vorstellen, dass die Kommunikation extrem schwierig ist, wenn Patient*innen nichts mehr verstehen können. Wenn jemand aber noch verstehen kann, dann ist Kommunikation möglich.
Die Sprache ist in unserer Gesellschaft sehr hoch bewertet – aber ich motiviere Patient*innen immer, auch andere Wege zu gehen und Kommunikation so möglich zu machen. Man muss seine Ressourcen mobilisieren und aktivieren!
Selbst wenn ein Mensch nur noch ein oder zwei Wörter sprechen kann, dann kann er sich damit ausdrücken und durch die Sprachmelodie und Gesten kommunizieren. Oder durch „Ja“ und „Nein“ – das können auch viele Patient*innen noch sagen oder durch die Kopfbewegung zeigen. Für Angehörige kommt es darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Manchen hilft es auch, eher singend als sprechend Wörter zu formulieren oder in ihrer ursprünglichen Muttersprache – falls die eine andere ist als die Alltagssprache zuletzt. Man muss Patient*innen und Angehörigen ans Herz legen, die nonverbale Kommunikation zu aktivieren und darauf zu vertrauen, damit gut leben zu können. Außerdem braucht es einfach viel Geduld in der Kommunikation mit Patient*innen.
Am Anfang ist der Schock für Angehörige und Patient*innen groß, dass dieses mächtige Werkzeug der Sprache verlorengegangen ist. Beide müssen deshalb motiviert werden, dass es noch so viel mehr gibt als die Sprache. Das funktioniert auch meistens sehr gut.
Herr Hofstetter:
Bei einer Aphasie müssen Angehörige die Fragen anders stellen, so wie es Dr. Schramm vorgeschlagen hat. Patient*innen mit einer Sprachstörung werden durch diese zum einen in ein passives Sprachverhalten gebracht. Zum anderen bleibt ihnen zu Beginn ihrer Sprachstörung keine andere Wahl. Ein wichtiges Kommunikationsziel wäre für diese Patient*innengruppe, aus ihrem passiven Sprach-gebrauch herauszufinden und einen aktiveren Sprachgebrauch zu erwerben. Es gibt den aktiven und passiven Sprachgebrauch in der Kommunikation. Sich wieder selbst zu Wort zu melden, wäre ein wichtiger Schritt hin zu kommunikativer Teilhabe und Dialog.
Hier kann die Sprachtherapie, die Logopädie, für Patient*innen, aber auch für Angehörige, eine wichtige Orientierung und Hilfe sein. Da können wir den Tipp geben: Gehen Sie mit in die Sprachtherapie, das kann auch ein Training für beide werden – eine Kommunikationsschule für Patient*innen und Angehörige.
Es gibt ein tolles Kommunikationsbuch, ein großformatiges Ringbuch, da können Patient*innen auf die Symbole zeigen und sich so verständlich machen. Zudem können individuelle Bilder eingefügt werden. Schreiben ist durch die Störung nicht möglich, deshalb kann ein Tablet, in das man Wörter eintippen muss, kein Ersatz und keine Lösung sein.
Aber es gibt noch andere Auswahlangebote, beispielsweise einen Sprachcomputer, der für Patient*innen sprechen kann. Ein Computerprogramm von Canon kann ich diesbezüglich empfehlen.
Hirnforschung
Früher dachte man, dass Patient*innen, die von einer Störung der sprachdominanten Hirnhälfte betroffen sind, stärkere Einbußen in der Lebensqualität haben. Aber es hat sich überraschenderweise herausgestellt, dass Patient*innen mit der Sprachstörung einen besseren Outcome und eine bessere Lebensqualität haben als die Gruppe, die auf der anderen Seite des Gehirns betroffen ist. Diese zweite Patient*innengruppe hat öfter mit Depressionen und einer Vernachlässigung der gegenüberliegenden Körperhälfte zu tun, was in der Therapie oft schwieriger zu behandeln ist.
Das ist die gute Nachricht: Trotz der schwierigen Situation mit der Sprachstörung haben Patient*innen meistens eine gute Lebensqualität.
Angst vor einem zweiten Schlaganfall
Expert*innenfrage: Viele Patient*innen sowie deren Angehörige haben häufig Angst vor einem zweiten Schlaganfall. Wie können Angehörige mit dieser Angst umgehen und dabei mithelfen, dass es nicht zu einem zweiten Schlaganfall kommt?
Herr Dr. Schramm:
Wir wissen ja, dass ein Schlaganfall meistens nur die Spitze des Eisberges einer jahrelangen Fehlentwicklung im Körper ist. Oft hat das mit dem eigenen Verhalten, aber auch mit unseren Lebensumständen zu tun: falsche Ernährung, Bewegungsmangel und was alles daraus resultiert: Übergewicht, Diabetes usw.
Aber was wichtig ist für Patient*innen: Sie sind dieser Entwicklung nicht hilflos ausgeliefert, können etwas dagegen tun und ihr Verhalten ändern. Diesem Schlag, der sie getroffen hat, können sie entgegentreten, die Lebensweise verändern, mit dem Rauchen aufhören, gesünder essen, sich bewegen. Medikamente können dazu beitragen, aber die ärztlichen Möglichkeiten sind begrenzt und Patient*innen können sehr viel selbst machen – gerade mit Angehörigen zusammen. Diese können durchaus dabei unterstützen.
Aus dem Schicksalsschlag kann man so etwas Positives machen. Schuldzuweisungen bringen nichts, sondern man muss nach vorne blicken, realistische Ziele haben und keinen Druck aufbauen. Im Gegenteil, Angehörige können die besten Berater*innen sein, dabei mithelfen, neue Lebensinhalte und Motivationen zu finden und zu gestalten – zusammen mit Patient*innen. Und dann auch gemeinsame Erfolge feiern! Das meine ich im wörtlichen Sinne.
Herr Hofstetter:
Ein Schlaganfall ist nicht das Ende des Lebens, sondern kann ein Neuanfang sein. Man kann sich fragen: Was habe ich denn früher gerne gemacht, wofür ich aber nie Zeit hatte und was kann ich jetzt vielleicht sogar durch die gewonnene Lebenszeit realisieren? Sich neue Perspektiven und Ziele selbst zu entwickeln ist genauso wichtig wie die Therapie. Man darf sich nicht in seinen Rollstuhl zu Hause verkriechen und darauf warten, dass ein Therapeut alles regelt, damit es mir besser geht. Der Therapeut kann nie der „Heiler“ sein. Es ist wichtig, wieder soziale Kontakte zu pflegen und aktiv zu werden. Bei jüngeren Patient*innen empfehle ich auch, den Sport, den sie früher gemacht haben, wieder aufzunehmen, wie beispielsweise ins Fitnessstudio oder zum Schwimmen zu gehen.
Spastik erkennen und behandeln
Expert*innenfrage: Nach einem Schlaganfall besteht zudem das Risiko, dass eine spastische Bewegungsstörung auftritt. Worauf können Patient*innen und Angehörige in diesem Zusammenhang achten, um eine Spastik so früh wie möglich erkennen und behandeln zu lassen? Wie können Angehörige hier helfen?
Herr Dr. Schramm:
Eine Spastik ist sehr häufig nach einem Schlaganfall. Gerade bei einem schweren Schlaganfall mit einer hochgradigen Halbseitenlähmung tritt die Spastik eigentlich sogar in der Regel danach auf. Das ist auch gar nicht schwer zu erkennen.
Da gibt es zwei Komponenten einer solchen Halbseitenlähmung oder „Hemiparese“, wie wir Mediziner sagen: Das eine ist die Schwäche und das andere ist die Spastik. Eine Spastik ist eine Verkrampfung der Muskulatur. Diese Verkrampfung können Patient*innen selbst erkennen und Angehörige auch. Wenn Patient*innen also beispielsweise ihre Arme nicht schlaff herunterhängen lassen können, sondern diese in einer verkrampften Beugehaltung haben, oder wenn sich beim Gehen die Beine ganz steif anfühlen und sich Fuß oder die Zehen verkrampfen – das sind Merkmale. Aber Patient*innen spüren das natürlich als andauernde Anspannung, als Schmerz.
Natürlich können Therapeut*innen eine Spastik sicher erkennen. Dann sollte man immer überlegen: Wird nicht nur etwas gegen die Schwäche getan, sondern auch gegen die Verkrampfung? Da gibt es wirksame Medikamente wie das Botulinumtoxin, das man in die Muskeln spritzen kann. Wenn so eine Verkrampfung auftritt, sollte man sich einen Neurolog*innen oder eine Spezialambulanz in einer Klinik suchen, die sich damit besonders auskennen und mit Botulinumtoxin behandeln können.
Es ist leider so, dass nur wenige niedergelassene Neurolog*innen eine solche Behandlung anbieten – am besten sucht man hier im Internet nach geeigneten Behandler*innenn. So kann man auch Frustration vermeiden, wenn der behandelnde Arzt einem vielleicht gar nicht weiterhelfen kann. Therapeut*innen können die Spastik meist gut behandeln. Aber bei Neurolog*innen ist das momentan leider noch anders. Die Spastik zu erkennen ist also gar nicht so schwierig – es ist eher die Herausforderung, einen Arzt in der Nähe zu finden, der sich damit auskennt.
Herr Hofstetter:
Gut zu erkennen ist die Spastik meist am Spitzfuß. Da ist meine Empfehlung: Bitte keine Schiene, da verkrampft der Fuß noch mehr, wenn er so hochgehoben wird. Auch bei der Hand kann das vorkommen, dass man die gar nicht mehr richtig öffnen kann, weil sie so verkrampft ist. Das sind Zustände, wo man sagen muss, da ist wirklich ein gute*r Neurolog*in gefragt. Da ist meine Empfehlung, gehen Sie an eine Universitätsklinik, da gibt es oft neurophysiologische Ambulanzen, die mit Botulinumtoxin arbeiten und sich damit auskennen. Da würde ich in so einem Fall hingehen.
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Expert*innenfrage: Was würde aus Ihrer Sicht helfen, um Patient*innen gemeinsam mit den Angehörigen in Zukunft noch besser versorgen zu können? Was würden Sie sich diesbezüglich wünschen? Was benötigen Sie, um die Angehörigen noch besser einbeziehen zu können?
Herr Hofstetter:
Ich habe da ein paar Ideen für Unterstützungsangebote. Man könnte interdisziplinäre Sprechstunden für Angehörige einführen, die auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Sprechstunden, in denen das ganze Behandlungsteam zur Verfügung steht. In der Sprechstunde können Angehörige sich dann Rat holen. Das wäre eine tolle Möglichkeit der Verbesserung der Beratung für die Zukunft.
Oder, was es auch schon gibt: die Ausweitung von Therapiezentren, die speziell Schulungen für Angehörige anbieten, während Patient*innen in der Reha sind. Das Therapiezentrum Burgau oder auch das Albertinen Krankenhaus in Hamburg sind Beispiele dafür. Also nicht nur Weiterbildungen für Therapeut*innen, sondern auch für Angehörige sind wichtig. Denn die brauchen auch Beratung, Schulungen und Beistand. Da könnte man ein Weiterbildungszentrum vor Ort mal ansprechen. Es gibt viele Weiterbildungszentren, sogar einen Bundesverband medizinischer Bildungszentren (BVMBZ). Da könnte man mal anfragen, ob man nicht ein Seminar für Angehörige bekommen kann. Diese Idee versuche ich im Moment in Nürnberg umzusetzen.
Gerade in der Neurologie könnte man auch eine spezielle Website entwickeln, auf der Fragen eingestellt werden können, die von Ärzt*innenn und Therapeut*innen beantwortet werden, vielleicht auch als Podcasts. Vielleicht kann man dafür Kolleg*innen finden, die sich dort auch engagieren und sich dafür zur Verfügung stellen würden. So könnte man auch online ein interdisziplinäres Team anbieten.
Herr Dr. Schramm:
Es wäre sehr wichtig, die interdisziplinäre Fallkonferenz, die es im Krankenhaus während der Visite gibt, in die ambulante Versorgung zu überführen. In der Klinik besprechen alle Beteiligten die Situation des jeweiligen Patient*innen und das wird sogar im Qualitätsmanagement der Kliniken gefordert, das ist Alltag auf der Stroke Unit. Der Schlaganfall ist – in Bezug auf den Grad der Notwendigkeit des interdisziplinären Versorgungsmanagements – die größte und herausforderndste Aufgabe in der Medizin. Das muss man der Politik schon auch klar machen. Die Interdisziplinarität ist äußerst wichtig für die Behandlung eines Schlaganfalls – dafür müssen die richtigen Anreize geschaffen werden.
Schlaganfallpatient*innen sind eine der größten Patient*innengruppen und man muss sehen, dass diese Patient*innen in den nächsten Jahren viel Geld kosten werden. Wenn wir da im Sinne der integrierten Versorgung nicht interdisziplinärer und somit effektiver in der Zusammenarbeit werden, dann verpuffen große Beträge im Gesundheitssystem – ohne dass für Patient*innen etwas Gutes dabei rauskommt. Deshalb müssen diese Schnittstellen organisiert werden und deshalb bin ich dafür, dass sowas auch telemedizinisch gemacht wird. Fallkonferenzen einmal im Quartal mit allen Beteiligten würden schon sehr viel bringen, um die Therapie von Patient*innen gemeinsam zu organisieren. Es ist zwar ein großer Aufwand, aber ich bin sicher, dass das kosteneffektiv sein kann und viel mehr bringt für die Betroffenen. Zumindest bilaterale Absprachen, zwischen Therapeut*innen und Neurolog*innen. Das ist eigentlich für mich das Wichtigste.